Liebe Leserinnen und Leser. Stellen Sie sich bitte einen Mann Anfang
60 vor. Wie alle, nein wie die meisten Männer hat er einen Bierbauch,
geht in den Molly-Shop, weil seine Bundweite 115 cm beträgt.
Dieser Mann lebt alleine, ist Rentner und schaut, wie alle,
nein, wie so viele Männer den jungen schlanken Frauen nach.
Er zieht den Bauch ein und denkt - na was wohl?
Es ist etwa ein Jahr her, da sieht dieser ältere Mann im Fernsehen
einen anderen Mann, der sich mit Herr Pearl vorstellt und in England lebt.
Der ältere Mann, der sonst nur das Fernsehen anmacht, um junge, schlanke
Frauen zu sehen, sieht einen Mann im Korsett. Er reibt sich die Augen.
"Spinn ich?, träum ich?", denkt er. Ein Mann im Korsett? In aller
Öffentlichkeit? Einfach nur so? Weil er es "geil" findet, wie Herr
Pear wörtlich sagt.
Einen Mann im Korsett hatter er noch nie gesehen, und wenn, dann
nicht mit dieser Taille. So eine Taille hatten nicht mal die Frauen in
seinen schönsten Träumen. Eine Hobelbank, die kannte er, ein
Brett, er wußte auch, wie man daraus Möbel herstellt - eine
Jacke von der Stange und eine Hose aus dem Molly-Shop, wegen dem schrecklichen
Bauch, der, ganz von alleine, in den letzten Jahren gewachsen war. Stimmt
nicht, dick war er eigentlich schon immer, aber, seit dem er Rentner war
und nicht mehr zur Arbeit ging, da wurde der Bauch immer runder. Aus Angst,
sich wieder über sein Gewicht zu ärgern, hatte er die Waage so
weit unter den Schrank geschoben, daß sie eigentlich schon gar nicht
mehr da war.
"Hilfe, ich brauche ein Korsett!!"
Der ältere Mann schreibt an den Fernsehsender. Er bekommt eine
Telefonnummer und eine Ansprechpartnerin, Frau von Ginkel, genannt. Er
erfährt etwas von dem LGM-Club und wird Mitglied. Er bekommt das erste
Mitteilungsblatt und von "Imagine" ein Korsett.
Was er jetzt erlebt, kann er mit Worten nicht beschreiben.Es sind
Gefühle, von dener er vorher nicht einmal die Ahnung hatte, daß
es sie überhaupt gibt. Sicher hat es ihm zuvor auch Spaß gemacht,
aus Brettern Möbel zu Zimmern, aber das Korsett war wie das Tor zum
Himmel. Wie auf Wolken schwebte er dahin. Wo war die Angst geblieben, alleine
in der Wohnung zu sein? Angst vor fremden Leuten, vor schnellen Fahrten,
vor Katastrophen und Weltuntergängen. Wo war der Hunger?
Vor lauter Glück hat er es gar nicht bemerkt, das er schon einige
Wochen nicht mehr viel gegessen hatte?
"Wo ist meine Waage?" rief er aus. In der Badewanne schaute er auf
seinen Bauch, nein, auf seinen Ex-Bauch, denn es waren dicke Falten und
sie wurden von Tag zu Tag kleiner.
"Was?", liebe Leserinnen und Leser, Sie glauben diese Geschichte
nicht? Da haben Sie recht. Ich auch nicht, ich habe sie nur mal eben so
"erlebt".
Kurt
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